Islam, Vollburka – sind das die neuen Grünen?
Die Grünen von England und Wales verstehen sich seit ihrer Gründung als Erben von Frauenrechten und Gleichberechtigung. Ihr Co-Vizechef gilt als Hardliner, seine Frau tritt vollständig verschleiert auf. Was das über eine Partei aussagt, die genau damit groß geworden ist, nicht so zu sein.
Die Französische Revolution kämpfte für Freiheit und Gleichheit. Der Mauerfall in Berlin stand für das Ende von Unterdrückung und Abschottung. Die Grünen von England und Wales haben sich seit ihrer Gründung als genau die Partei verstanden, die solche Fortschritte verteidigt — allen voran bei Frauenrechten und Gleichberechtigung. Seit September 2025 steht an ihrer Spitze, als einer von zwei Co-Vizechefs, Mothin Ali: ein Mann, der in Interviews bis heute eine "Genozid"-Aussage über einen jüdischen Rabbi verteidigt, der mit einer Kundgebung eine Rüge seines eigenen Premierministers auslöste — und dessen Frau bei öffentlichen Auftritten an seiner Seite von Kopf bis Fuß verhüllt auftritt. Nur die Augen sind zu sehen. Die Partei feierte seine Wahl als historischen Fortschritt: erster Muslim in einer Führungsposition einer britischen Mainstream-Partei. Ein Jahr später drängt sich eine andere Frage auf.
Der Aufsteiger aus Leeds
Mothin Ali, geboren 1982 in Sheffield, Sohn einer Familie mit bangladeschischen Wurzeln, war Buchhalter und Islamlehrer, bevor er zur Politik kam. Bis 2020 war er Labour-Mitglied, wechselte dann wegen des Kurses unter Keir Starmer zu den Grünen und gewann 2024 einen Sitz im Stadtrat von Leeds für den Wahlkreis Gipton and Harehills — eine der ärmsten und vielfältigsten Gegenden Yorkshires, rund vierzig Prozent muslimisch geprägt. Im September 2025 wählte ihn der Bundesparteitag mit 33,5 Prozent der Stimmen zum Co-Vizechef, neben der nicht-muslimischen Rachel Millward (22,8 Prozent). Für die Partei war das ein Symbol: endlich ein Muslim an der Spitze einer britischen Mainstream-Partei, dazu einer, der sich als Stimme der Arbeiterklasse gegen das "südenglische Mittelschicht-Image" der eigenen Partei positionierte.
Das Bild, das international diskutiert wird
Genau an diesem Symbol bricht sich seither eine andere Erzählung. Bei öffentlichen Auftritten erscheint Ali regelmäßig in gewöhnlicher westlicher Kleidung, neben einer Frau, die vollständig verhüllt ist — nur die Augen sind zu sehen. Das Foto kursiert seit seiner Wahl auf Social Media und wird international diskutiert, unter anderem von der italienischen Journalistin und Kinderbeauftragten Marina Terragni, die sich bereits zuvor kritisch zur Vollverschleierung in der Öffentlichkeit geäußert hatte:
Kritikerinnen wie Terragni lesen in diesem Bild ein Menschenbild, das Frauen unterordnet statt sie gleichzustellen — ein sichtbares Gefälle, das sich mit dem Anspruch einer Partei, die seit Jahrzehnten für Gleichberechtigung und körperliche Selbstbestimmung von Frauen eintritt, kaum verträgt. Ein einzelner, erkennbar parteiischer X-Account ging in seiner Deutung deutlich weiter und verband dasselbe Foto mit der unbelegten Behauptung, es stehe für eine "neue Ära des Fundamentalismus" in der Partei — eine Zuschreibung, für die es keine seriöse Quelle gibt. Am offiziellen Außenauftritt zeigt die Partei dagegen ein anderes Bild: Die Jugendorganisation Young Greens bewarb die Doppelspitze aus Ali und Millward offen als Fortschrittssymbol — exakt die beiden Bilder, die nebeneinander nicht zusammenpassen wollen:
Dazu kommt ein zweiter, parteiinterner Beleg: Bei der Vizechef-Wahl 2025 war Ali der einzige Kandidat, der ein parteiinternes Bekenntnis zu LGBTQ-Rechten nicht unterschrieb — er lehnte grundsätzlich ab, sich auf Versprechen einzelner Interessengruppen festzulegen. Für eine Partei, die sich selbst "von LGBTQ bis queer bis alle zusammen" nennt, ist auch das kein Randdetail. Fairerweise gehört dazu: Ali wirbt gleichzeitig aktiv dafür, dass Muslime und LGBTQ-Menschen zusammenhalten sollten, weil beide Gruppen Ziel derselben rechtsextremen Bewegungen seien — ein Bündnisangebot, keine offene Ablehnung. Das nimmt der Sache die Eindeutigkeit, aber nicht den Widerspruch.
Kein Einzelfall: Der Rabbi und das Wort "Genozid"
Das Muster aus öffentlichem Symbol und unbequemer Substanz zieht sich durch Alis gesamte Karriere. Im Februar 2024 veröffentlichte er ein TikTok-Video über Rabbi Zecharia Deutsch, den jüdischen Universitätskaplan in Leeds, der als israelischer Reservist einberufen worden war. Ali nannte ihn laut Campaign Against Antisemitism ein "Ekel" und ein "Tier". Der Rabbiner erhielt danach so viele Morddrohungen, dass er mit seiner Familie untertauchen musste.
Im Oktober 2025, inzwischen Co-Vizechef, wurde Ali von der BBC erneut dazu befragt — und verteidigte nicht nur seine Wortwahl, sondern die Substanz seiner Aussage: "Ich war Aktivist, und er war ein IDF-Soldat, der dorthin gegangen war und am Genozid teilgenommen hatte, und während er dort war, schickte er Videos, in denen er andere dazu ermunterte, dasselbe zu tun, und dann kehrte er in eine Vertrauens- und Einflussposition über junge Köpfe zurück." Nur die konkrete Formulierung nannte er im Nachhinein "unüberlegt". Ein Jahr nach dem ersten Vorfall war daraus keine Lehre geworden, sondern eine verteidigte Position.
Auch deutsche Medien griffen den Fall auf: Jan Fleischhauer und Carolin Blüchel ordnen ihn in "Der schwarze Kanal" (FOCUS) ein.
Die Nacht, in der Chamenei starb
Die bisher größte Eskalation folgte im Februar 2026. Am 28. griffen die USA und Israel iranische Raketeninfrastruktur, Militäranlagen und die Führung in Teheran an. In der ersten Angriffswelle wurde Ayatollah Ali Chamenei getötet, Irans Religionsführer seit 1989. Noch bevor sein Tod überhaupt bestätigt war, bekam Ali eine Nachricht: ob er zu einer "Notfall-Kundgebung gegen die rechtswidrigen Angriffe Israels auf den Iran" kommen könne, organisiert von der Stop the War Coalition und der Campaign for Nuclear Disarmament. Er ging hin — nach eigener Darstellung eine reine Antikriegsveranstaltung mit über tausend Teilnehmenden, überwiegend Stop-the-War- und Anti-Trump-Schildern, nur einer Handvoll iranischer Flaggen.
Der konservative Abgeordnete Sir Alec Shelbrooke sah das im Unterhaus vollkommen anders: Er sei "entsetzt, aber nicht überrascht" gewesen, den Vizechef der Grünen "erneut in Unterstützung des Ayatollah" protestieren zu sehen, und bezeichnete die Partei als "Magnet" für alle, die Labour zu Recht ausgeschlossen habe. Premierminister Keir Starmer legte nach: Er sei "schockiert, wenn auch angesichts der jüngsten Ausrichtung dieser Partei vielleicht nicht überrascht". Die Pointe dabei — nur Tage zuvor war Starmers eigene Partei bei der Nachwahl in Gorton and Denton auf Platz drei durchgereicht worden, gewonnen von der grünen Kandidatin Hannah Spencer: Der Regierungschef, dessen eigene Partei gerade von den Grünen überholt wurde, geißelte öffentlich deren Vizechef.
Danach kippte die Stimmung online. Ali berichtet von "hunderten und aberhunderten" gezielten, hasserfüllten Nachrichten, darunter Bilder, die ihn angeblich in der Hölle brennend zeigten. Mehr als zwanzig Morddrohungen meldete er der Polizei; West Yorkshire Police bestätigte Ermittlungen zu "bedrohlichen Nachrichten in sozialen Medien". Sein einziges Bedauern, sagte Ali der BBC, sei die Belastung für seine Familie — die Teilnahme an der Kundgebung selbst halte er weiter für richtig. Er verweist dabei auf ein wiederkehrendes Muster: Schon während der Unruhen in seinem eigenen Wahlkreis Harehills 2024 hatte er als Lokalpolitiker eine Menschenkette gegen Eskalation gebildet und wurde dafür vom Muslimrat Großbritanniens gelobt — Fotos von ihm vor Ort wurden anschließend online verdreht, er sei selbst "einer der Randalierer" gewesen.
Eine Partei im Widerspruch mit sich selbst
Der Fall Ali steht dabei nicht isoliert da. Für das Muster insgesamt führt Wikipedia einen eigenen Artikel unter dem Titel "Antisemitism in the Green Party of England and Wales", der weitere, jüngere Fälle dokumentiert — etwa mehrere 2026 suspendierte Kandidaten in London oder die Bournemouth-Kandidatin Feda Shahin, die laut Jewish Chronicle eine historisch widerlegte Verschwörungserzählung über "Zionisten" verbreitete. Wichtig für die Einordnung: Parteichef Zack Polanski, der die Grünen seit September 2025 führt, ist selbst jüdisch und schwul — das widerspricht jeder einfachen Erzählung von einer "islamistisch unterwanderten" Partei. Am 4. Oktober 2026 beschloss der Parteitag in Brighton trotzdem mit 1.022 zu 813 Stimmen den Antrag "Zionism is Racism". Laut New Statesman war Polanski beim Parteitag gar nicht anwesend — er verlor am 8. Oktober 2026 die Nachwahl Holborn & St Pancras gegen Labour.
| Mothin Ali | geb. 1982 Sheffield, Buchhalter & Islamlehrer, Stadtrat Leeds seit 2024 (Wikipedia) |
| Co-Vizechef seit | September 2025, 33,5 % der Stimmen, neben Rachel Millward (22,8 %) |
| Rabbi-Vorwurf | Feb. 2024 TikTok "Ekel"/"Tier", Okt. 2025 BBC-Verteidigung als "Genozid"-Beteiligung |
| Iran-Kundgebung | 28.2.2026, nach Tötung Ayatollah Chamenei, Rüge von Shelbrooke & Starmer |
| Folge | 20+ Morddrohungen, Ermittlung West Yorkshire Police (BBC) |
| LGBTQ-Bekenntnis | Ali einziger Vizechef-Kandidat, der es nicht unterschrieb (09/2025) |
| Zionismus-Antrag | "Zionism is Racism" — beschlossen 1.022 zu 813 Stimmen, Brighton, 4.10.2026 |
| Jüngste Niederlage | Nachwahl Holborn & St Pancras, 8.10.2026 — Labour 45,2 % vs. Grüne 32,8 % |
Auflösung: Sind das die neuen Grünen?
Zurück zur Ausgangsfrage. Eine Partei, die sich seit Jahrzehnten als Speerspitze von Frauenrechten, Gleichberechtigung und gesellschaftlichem Fortschritt versteht, hat an ihrer eigenen Spitze einen Co-Vizechef, dessen Frau in der Öffentlichkeit vollständig verschleiert auftritt — ein Bild, das in direktem Spannungsverhältnis zu allem steht, wofür die Partei historisch eintritt. Denselben Mann begleitet eine bis heute verteidigte "Genozid"-Aussage über einen Rabbi, eine Kundgebung, die ihm die Rüge seines eigenen Premierministers und mehr als zwanzig Morddrohungen einbrachte, und ein verweigertes LGBTQ-Bekenntnis. Gleichzeitig wird genau diese Partei von einem jüdischen und schwulen Vorsitzenden geführt, der selbst gegen die Verschärfung des Zionismus-Antrags stimmte — und ihn trotzdem durch die eigene Basis beschlossen bekam. Einfache Schlagzeilen gibt es bei so viel Widerspruch nicht. Aber die Frage bleibt im Raum stehen: Wie viel von dem, wofür die Grünen einmal angetreten sind, ist an der eigenen Spitze eigentlich noch übrig?
Häufige Fragen
Ein britisch-bangladeschischer Kommunalpolitiker aus Leeds, geboren 1982 in Sheffield. Er wechselte 2020 von Labour zu den Grünen, wurde 2024 Stadtrat in Leeds und im September 2025 mit 33,5 Prozent der Stimmen Co-Vizechef der Grünen Partei von England und Wales, neben Rachel Millward (22,8 Prozent) — der erste Muslim in einer Führungsposition einer britischen Mainstream-Partei.
Weil Ali öffentlich für eine Partei steht, die sich seit ihrer Gründung über Frauenrechte und Gleichberechtigung definiert — während seine Frau bei öffentlichen Auftritten an seiner Seite vollständig verschleiert auftritt, nur die Augen sind zu sehen. Kritikerinnen wie die italienische Journalistin Marina Terragni sehen darin ein Menschenbild, das Frauen unterordnet statt sie gleichzustellen.
Im Februar 2024 nannte Ali den jüdischen Universitätskaplan Rabbi Zecharia Deutsch, der als israelischer Reservist gedient hatte, laut Campaign Against Antisemitism ein "Ekel" und ein "Tier". Im Oktober 2025 verteidigte Ali gegenüber der BBC die Substanz seiner Aussage: Deutsch sei ein IDF-Soldat gewesen, der am Genozid teilgenommen habe und danach in eine Vertrauensposition über junge Köpfe zurückgekehrt sei. Die konkrete Wortwahl nannte er im Nachhinein "unüberlegt".
Am 28. Februar 2026 griffen die USA und Israel iranische Raketeninfrastruktur, Militäranlagen und die Führung in Teheran an, wobei Irans Religionsführer Ayatollah Ali Chamenei getötet wurde. Ali nahm am selben Wochenende an einer von der Stop the War Coalition und der CND organisierten Kundgebung gegen die Angriffe teil. Ein Tory-Abgeordneter warf ihm im Unterhaus vor, den Ayatollah zu unterstützen, Premierminister Keir Starmer legte öffentlich nach. Ali weist die Darstellung zurück und spricht von reinem Antikriegs-Engagement.
Nach der Debatte im Unterhaus erhielt Ali nach eigenen Angaben mehr als zwanzig Morddrohungen. West Yorkshire Police bestätigte, Ermittlungen aufgenommen zu haben. Ali sagte, sein einziges Bedauern betreffe die Belastung für seine Familie — die Teilnahme an der Kundgebung selbst halte er weiter für richtig.
Ja. Er war 2025 der einzige Vizechef-Kandidat, der ein parteiinternes Bekenntnis zu LGBTQ-Rechten nicht unterschrieb. Gleichzeitig wirbt er aktiv für ein Bündnis zwischen Muslimen und LGBTQ-Menschen gegen gemeinsame rechtsextreme Gegner — das Bild ist also nicht eindeutig, aber der Widerspruch zum eigenen Parteianspruch bleibt.
Ja. Parteichef Zack Polanski ist selbst jüdisch und schwul, stimmte aber gegen seine eigene Parteimehrheit, die am 4. Oktober 2026 in Brighton den Antrag "Zionism is Racism" beschloss. Gleichzeitig führt Wikipedia einen eigenen Artikel zu wiederkehrenden Antisemitismus-Vorwürfen gegen Grünen-Kandidaten.
Nein, es sind zwei komplett unabhängige Parteien in unterschiedlichen politischen Systemen. Gemeinsam ist nur der Markenkern: gesellschaftlicher Fortschritt verbunden mit einem klar progressiven, diversitätsorientierten Selbstbild — und genau an diesem Selbstbild entzündet sich in Großbritannien gerade der Streit.




